Die Möglichkeit einer Insel


Während in den letzten 100 Jahren der nur dem künstlerischen Schaffensdrang verpflichtete Künstler einen Gegenentwurf zu dem eingehegt agierenden, auf Sicherheit bedachten bürgerlichen Prototypen darstellte, erlebten wir es in den letzten zwei, drei Dekaden, daß Parameter wie Individualismus und kreative Selbstverwirklichung zunehmend Vorbildcharakter für eine ganze gesellschaftliche Schicht, nämlich die sogenannte "Kreativwirtschaft" bekommen haben.

m selben Maße wurde aus dem ursprünglichen freigeistigen "enfant terrible", das der Künstler lange Zeit darstellte, ein zunehmend strategisch denkender, den finanziellen Erfolg mittels aller Finessen der Karriereplanung anstrebender neuer Künstlertyp, der in vielen Belangen schlicht wie ein Unternehmer handelt, eine Marktnische sucht, sich aufgefordert fühlt, sie zu besetzen und maximal zu vermarkten, wobei es gilt, Netzwerke zu bilden, sich selbst in Position zu bringen, eine eindrucksvolle Vita mit internationalen Ausstellungsbeteiligungen vorweisen zu können und potentiellen Konkurrenten möglichst zuvorzukommen.

In Folge dieser Entwicklungen stellt es sich heute so dar, als wäre der Künstler mit seiner Tendenz zur rücksichtslosen Selbstausbeutung und Drang nach permanenter Selbstoptimierung ein neoliberalistischer Prototyp, der als eifrigster dem amerikanischen Dogma vom "You can make it, if you work hard enough" folgt.

Frei nach dem Titel eines Werkes des Autors Michel Houellebecq, einem Schriftsteller, der seit Jahren in seinen Romanen mit ätzender Schonungslosigkeit der "schönen, neuen Welt", in der die neoliberalen Ideen bis in die kleinste Zelle der Gesellschaft - die zwischenmenschlichen Beziehung - durchgesickert sind, den Spiegel vorhält, versucht sich die Ausstellung an einem Gegenentwurf.

Es werden verschiedene künstlerische Positionen vorgestellt und miteinander verschränkt, die sich alle über lange Zeiträume entwickelt haben.

Allen gemein ist, dass es sich um Künstler handelt, die eher die inhaltliche Auseinandersetzung mit sich und der Welt suchen und sich nicht nur am Schaffen ästhetischer Oberflächen abarbeiten oder der Akkumulation möglichst eindrucksvoller Materialberge.

Dabei reicht der Spannungsbogen von Positionen, in denen offen zeit- und gesellschaftskritisch versucht wird, mit anarchischem Witz auf Dinge aufmerksam zu machen (Uwe Jonas, Oliver Pietsch, Matthias Mayer, Benedikt Braun), zu jenen, die sensibel registrieren, was in ihrer Lebenswirklichkeit passiert und es mit der ihnen eigenen Intensität abbilden (Corinna Weinert, Edgar Zippel, Thomas Monses, Etienne Lafrance, Richard Schütz).

Das dadurch entstehende Kaleidoskop vermittelt, wie sehr es immer noch künstlerisches Selbstverständnis sein kann, als Seismograph und Kritiker gesellschaftlicher Verwerfungen zu fungieren, parallel dazu aber auch eigene Kosmen geschaffen werden, Freiräume, die sowohl als Gegenentwurf als auch An- bzw. Bereicherung der Realität zu begreifen sind, lebensnotwendige Refugien, Inseln eben.

Teilnehmende Künstler*innen:

- Benedikt Braun
- Uwe Jonas
- Carolina Kecskemethy
- Etienne Lafrance
- Matthias Mayer
- Thomas Monses
- Oliver Pietsch
- Matthias Röhrborn
- Richard Schütz
- Klaus Walter
- Corinna Weinert
- Edgar Zippel